„Individualsoftware ist uns viel zu teuer.“ Dieser Satz fällt in fast jedem Erstgespräch. Die Annahme dahinter: Standardsoftware ist günstiger, weil die Entwicklungskosten auf viele Kunden verteilt werden. Individualsoftware ist ein Luxus, den sich nur Großkonzerne leisten können.
Diese Annahme lässt sich mit konkreten Zahlen widerlegen. Nicht in jedem Fall, aber in deutlich mehr Fällen, als die meisten erwarten.
Individualsoftware Kosten im konkreten Vergleich
Ein Kunde suchte eine neue Lösung für die Verwaltung von 50.000 Anleger-Anteilen. Die alte Software, eine Standardlösung, wurde abgekündigt. Der naheliegende Ansatz: wieder Standardsoftware.
Nach Recherche und Angebotseinholung ergab sich ein Lizenzpreis von 66.000 Euro pro Jahr für die am besten passende Standardlösung. Genutzt hätte der Kunde davon etwa 20% der Funktionen. Die restlichen 80% hätte er mitbezahlt, ohne sie jemals einzusetzen.
Das war der Anlass, die Kosten für eine Individuallösung ehrlich dagegen zu rechnen:
Standardsoftware über 7 Jahre:
Lizenz 66.000 Euro pro Jahr, ergibt 462.000 Euro. Dazu jährliche Preisanpassungen durch den Anbieter, auf die der Kunde keinen Einfluss hat. Plus Kosten für Schulungen und Workarounds in den 80% der Funktionen, die nicht zum Prozess passen.
Individualsoftware über 7 Jahre:
Entwicklung 150.000 Euro einmalig, Wartung ca. 15.000 Euro pro Jahr, ergibt 255.000 Euro. Der Kunde zahlt ausschließlich für die Funktionen, die er tatsächlich braucht. Die jährlichen Wartungskosten sind planbar und verhandelbar.
Unter dem Strich sind das 207.000 Euro weniger über 7 Jahre. Ab dem achten Jahr spart der Kunde jedes weitere Jahr 51.000 Euro, ohne Zusatzinvestition.
Die versteckten Kosten von Standardsoftware
Der Lizenzpreis ist der sichtbare Teil der Kosten. Die weniger sichtbaren Kosten werden bei der Entscheidung häufig nicht berücksichtigt:
Lizenzkosten skalieren mit der Unternehmensgröße: Mehr Mitarbeiter, mehr Nutzer, mehr verwaltete Objekte bedeuten bei den meisten Standardanbietern höhere Lizenzgebühren. Bei Individualsoftware bleibt die Wartungspauschale konstant, unabhängig davon, wie viele Nutzer das System verwenden. Für wachsende Unternehmen kann dieser Unterschied über die Jahre erheblich werden.
Anpassungen sind teuer oder unmöglich: Wenn der eigene Prozess nicht exakt zum Standard passt, gibt es zwei Wege: Den Prozess an die Software anpassen, was Workarounds und Produktivitätsverluste bedeutet. Oder teure Customizings beauftragen, deren Kompatibilität bei jedem Update des Standardprodukts neu geprüft werden muss. Beides verursacht Folgekosten, die in der ursprünglichen Kalkulation nicht auftauchen.
Abkündigung durch den Anbieter: Standardlösungen können jederzeit eingestellt werden, wie im Fall unseres Kunden geschehen. Dann muss erneut investiert werden: in Evaluation, Migration und Einarbeitung. Bei Individualsoftware liegt die Entscheidung über Lebensdauer und Weiterentwicklung beim Kunden selbst.
Jährliche Preiserhöhungen: Der Kunde hat keinen Einfluss auf die Preispolitik des Anbieters. Preiserhöhungen von 5 bis 10% pro Jahr sind keine Seltenheit und können über die Laufzeit den Kostenvergleich deutlich verschieben.
Die richtige Analogie: Haus statt Auto
Ein häufiger Einwand: „Individualsoftware wird am Ende immer teurer als geplant.“ Das kann vorkommen. Aber der Vergleich, der oft gezogen wird, hinkt: Individualsoftware wird mit einem Serienprodukt verglichen, etwa einem Auto. Ein Auto ist ein Serienprodukt mit vorhersagbaren Kosten.
Die passendere Analogie ist der Hausbau. Ein Haus vom Architekten ist ein Unikat. Niemand erwartet, dass am Ende wirklich alles exakt so läuft wie zu Beginn geplant. Wünsche ändern sich im Prozess, technische Gegebenheiten erfordern Anpassungen, gesetzliche Rahmenbedingungen ändern sich. Das ist kein Zeichen für schlechte Planung, sondern die Natur eines komplexen, maßgeschneiderten Projekts.
Der entscheidende Unterschied: Am Ende steht etwas, das genau zu den eigenen Anforderungen passt. Kein Standardgrundriss, in den man sich hineinleben muss. Sondern ein Gebäude, das für den konkreten Bedarf geplant und gebaut wurde.
Fünf Aspekte jenseits der Kostenfrage
Individualsoftware ist nicht nur eine Kostenfrage. Es gibt Aspekte, die in der reinen Kostenbetrachtung untergehen:
Budgetkontrolle: Der Auftraggeber steuert den Umfang selbst. Funktionen können priorisiert, verschoben oder gestrichen werden. Bei Standardsoftware bestimmt der Anbieter, welche Funktionen im Paket enthalten sind und welche nicht.
Wettbewerbsvorteil: Wenn ein Prozess der eigene Differenzierungsfaktor ist, sollte die Software diesen Prozess optimal unterstützen. Standardsoftware ist per Definition für den Durchschnitt gebaut. Wer sich vom Wettbewerb unterscheiden will, braucht eine Lösung, die diese Unterscheidung technisch abbildet.
Unabhängigkeit: Keine Abhängigkeit von Release-Zyklen, Preiserhöhungen oder strategischen Entscheidungen eines Drittanbieters. Die Hoheit über Daten, Infrastruktur und Weiterentwicklung liegt beim Kunden.
Flexibilität: Änderungen am Prozess erfordern Änderungen an der Software, nicht umgekehrt. Das klingt selbstverständlich, ist aber bei Standardsoftware oft nicht gegeben: Dort muss sich der Prozess an die Software anpassen.
Bilanzierung als Vermögenswert: Individuelle Software ist ein Vermögenswert in der Buchhaltung, kein laufender Kostenfaktor. Sie ist eine Investition, die Wert schafft und abgeschrieben werden kann. Dieser Aspekt wird bei der Entscheidungsfindung häufig übersehen.
Wann Standardsoftware trotzdem sinnvoll ist
Um ein vollständiges Bild zu geben: Individualsoftware ist nicht in jedem Fall die bessere Wahl.
Standardsoftware ist sinnvoll, wenn der eigene Prozess dem Branchenstandard entspricht und kein Differenzierungsmerkmal darstellt. Wenn eine schnelle Verfügbarkeit wichtiger ist als Passgenauigkeit. Wenn das Unternehmen von der kontinuierlichen Weiterentwicklung durch den Anbieter profitiert. Und wenn die Abhängigkeit vom Anbieter bewusst in Kauf genommen wird.
Die Grenze verläuft dort, wo der eigene Prozess zum Wettbewerbsvorteil wird. Wenn das Geschäftsmodell darauf basiert, etwas anders oder besser zu machen als die Konkurrenz, sollte die Software das unterstützen, nicht nivellieren.
Fazit
Die Entscheidung zwischen Standard- und Individualsoftware ist keine reine Kostenfrage. Sie ist eine strategische Frage: Soll der Prozess sich an die Software anpassen, oder soll die Software den Prozess abbilden? Wer nur den Anfangspreis vergleicht, übersieht die langfristigen Kosten. In vielen Fällen, insbesondere wenn die Standardlösung nur teilweise passt, ist Individualsoftware nicht nur die passendere, sondern auch die wirtschaftlichere Lösung.


