„Keine Zeile Code mehr selbst geschrieben.“ Dieser Satz wird gerade zum Statussymbol. Wer ihn sagt, meint es als Auszeichnung: Die KI hat die Anwendung komplett gebaut, der Mensch hat nur noch dirigiert. Doch das ist ein fragwürdiger Maßstab. Dahinter verläuft die Grenze zwischen zwei Begriffen. Vibe Coding meint, KI-Code auf gut Glück zu übernehmen, ohne ihn zu verstehen oder zu prüfen, und der Begriff ist nicht ohne Grund negativ belegt. Agentic Coding meint das Gegenteil: mit KI-Werkzeugen arbeiten, aber mit Methode und Urteilsvermögen, also wissen, wann die KI übernimmt und wann der Mensch eingreift.
Beide beschreiben eine Arbeitsweise, bei der Software überwiegend durch Anweisungen an eine KI entsteht, statt Zeile für Zeile manuell geschrieben zu werden. Das funktioniert in vielen Fällen gut. Und es hat klare Grenzen, die vor allem dann sichtbar werden, wenn niemand mehr in den erzeugten Code schaut.
Wenn niemand mehr in den Code schaut
Ein Beispiel aus der eigenen Arbeit. Die Aufgabe war überschaubar: Rohdaten einlesen, aufbereiten und über eine Schnittstelle in ein Bestandssystem importieren. Die KI hatte in wenigen Minuten ein funktionierendes Skript erstellt. Dann kam die Datenqualität ins Spiel, also Tippfehler korrigieren, Abkürzungen ausschreiben, Kürzel interpretieren. Für jeden Sonderfall wurde erklärt, was zu tun ist, und die KI schrieb daraus eine Regeldatei.
Die Annahme war, die KI würde diese Regeln dynamisch anwenden. Ein Blick in den Code zeigte etwas anderes. Alles war fest verdrahtet. Jeder Tippfehler stand als festes Paar aus falsch und richtig im Quellcode, jedes Kürzel als Konstante. Jeder neue Begriff in den Daten hätte eine Codeänderung erfordert. Auf Nachfrage bestätigte die KI, dass eine dynamische Lösung deutlich sauberer wäre, und passte die Umsetzung an.
Wer den Code nie ansieht, entdeckt solche Muster nicht. Er lebt dann dauerhaft mit einer Lösung, die zwar läuft, aber jeden neuen Sonderfall zur Handarbeit macht. Obwohl die KI es besser könnte, wenn man sie ließe. Für kleine Tools und Skripte ist das vertretbar, solange man die Einschränkungen bewusst in Kauf nimmt. Bei größeren Anwendungen wird aus der bequemen Abkürzung ein Risiko. Genau hier trennt sich Vibe Coding von Agentic Coding.
Vom Vibe Coding zum Agentic Coding
Der eigentliche Reifegrad zeigt sich nicht darin, gar nichts mehr selbst zu schreiben. Er zeigt sich in der Einschätzung, wann welcher Weg der schnellere ist. Agentic Coding heißt, die KI die Arbeit machen zu lassen und trotzdem die Kontrolle zu behalten.
Ein typischer Moment aus dem Entwickleralltag: Die KI hat schnell viel Code erzeugt, ein paar Korrekturläufe waren effizient. Dann steht fest, dass genau zwei Zeilen auf eine bestimmte Art geändert werden müssen. Jetzt gibt es zwei Wege. Der erste dauert dreißig Sekunden und funktioniert wie vor zwanzig Jahren: selbst Hand anlegen. Der zweite besteht darin, der KI in langen Sätzen zu erklären, welche Änderung warum nötig ist, im Wissen, dass sie die Anweisung vielleicht richtig versteht, vielleicht aber auch nicht.
Am Ende dreht man Iterationsschleifen, bis der Code dort steht, wo er manuell längst gewesen wäre. Bei einer einzelnen Detailänderung macht die KI nicht schneller. Sie macht langsamer. Das ist kein Argument gegen KI, sondern gegen einen Dogmatismus, der jede manuelle Zeile für einen Rückschritt hält.
Der bessere Maßstab lautet deshalb nicht „ich schreibe nichts mehr selbst“, sondern „ich weiß, wann die KI schneller ist und wann es meine zwei Zeilen sind“.
Tempo und Substanz sind kein Gegensatz
In der Fachdiskussion werden zwei Lager gegeneinander gestellt. Die einen sagen, Vibe Coding habe zu wenig Substanz. Die anderen halten klassisches Entwickeln für zu aufwendig und zu teuer. Beide haben recht. Und genau darin liegt die Lösung.
Wer einfach loslegt, denkt oft zu wenig an Technik und Sonderfälle. Dafür entstehen Ideen, auf die erfahrene Entwickler selten kommen. Diese Herangehensweise fragt nicht, ob etwas sauber umgesetzt ist, sondern ob es das Problem löst. Die andere Seite bringt Erfahrung mit, bedenkt jedes Risiko und jeden Grenzfall, verliert dabei aber manchmal den Nutzen für den Anwender aus dem Blick.
Jede Seite hat genau die Schwäche, die die andere ausgleicht. Man kann das als unüberwindbaren Gegensatz sehen oder daraus ein Team bauen. Die Idee kommt von dem, der einfach anfängt. Der Feinschliff von dem, der weiß, was die Software in zwei Jahren noch tragen muss. So entsteht die Kombination aus Tempo und Substanz, die keine der beiden Haltungen allein hinbekommt.
Was das für Software-Verantwortliche bedeutet
Diese Frage ist längst keine reine Entwicklerfrage mehr. Wer Softwareentwicklung verantwortet, zahlt die Iterationsschleifen mit. In Zeit, in Rechenkosten und in Code, den irgendwann niemand mehr versteht.
Für die Praxis heißt das dreierlei. Erstens gehört auch KI-generierter Code geprüft, gerade bei allem, was länger produktiv laufen soll. Zweitens ist die Zahl der eingesparten Handgriffe kein sinnvolles Erfolgsmaß. Wichtiger ist, ob die entstandene Software wartbar und verständlich bleibt. Drittens bleibt Erfahrung der entscheidende Faktor. Nur wer den Output beurteilen kann, entscheidet richtig, wann die KI übernimmt und wann der Mensch schneller ist.
Fazit
Agentic Coding ist kein Selbstzweck, und Vibe Coding ist nicht per se ein Makel. Der Wert entsteht nicht dadurch, dass die KI möglichst viel allein macht, sondern durch das Urteilsvermögen, das ihren Einsatz steuert. Tempo und Substanz schließen sich nicht aus, sie brauchen einander. Wer KI mit Methode einsetzt, bekommt beides. Wer sich allein auf die Vibes verlässt, bekommt viel Code und wenig belastbare Software.





