Gesamtverantwortung im Softwareprojekt: Wer das Risiko zwischen zwei Angeboten trägt

von | 29. Okt. 2026 | Projektmanagement & Schätzungen

„Das war nicht Teil unseres Angebots.“ Diesen Satz will kein Auftraggeber hören, wenn das Projekt erst zur Hälfte fertig ist. Er fällt dort, wo zwei Dienstleister gemeinsam ein Projekt umsetzen und jeder sein Angebot sauber abgegrenzt hat. Wer die Gesamtverantwortung im Softwareprojekt nicht ausdrücklich vergibt, überlässt sie dem Auftraggeber. Der kann das Risiko aber am schlechtesten einschätzen.

Zwei Angebote, eine Lücke

In einem aktuellen Projekt haben wir lange über Zuständigkeiten gesprochen. Es gab zwei Dienstleister und einen Auftraggeber. Die beiden Angebote sollten zusammen das ganze Projekt abdecken, und der Auftraggeber wollte von jedem einen Festpreis. Seine Sorge war berechtigt: Am Ende bleiben Aufgaben übrig, die in keinem der beiden Angebote stehen.

Solche Aufgaben liegen fast immer an derselben Stelle, nämlich dort, wo zwei Leistungen aneinanderstoßen. Typische Kandidaten sind die Schnittstellen zwischen den Systemen, das Deployment, die Datenmigration und Tests, die über Systemgrenzen hinweg laufen. Jeder Festpreis sichert den eigenen Teil ab. Das Ganze sichert keiner ab.

Dann beginnt das Pingpong. Beide Seiten verweisen auf den Wortlaut ihres Angebots, und wer die Arbeit am Ende macht, wird nach Projektstart verhandelt, mitten im Zeitplan und unter Druck.

Gesamtverantwortung im Softwareprojekt und das spitze Angebot

Im Vertrieb gilt eine klare Regel: Mach ein spitzes Angebot und biete nur an, was du am besten kannst. Das verkauft sich gut, weil der Kunde sofort sieht, wofür er den Dienstleister braucht. Für das einzelne Stück stimmt das auch.

Mit zwei Dienstleistern entsteht aber ein Rest, um den sich niemand kümmert. Die Arbeit dafür bleibt beim Auftraggeber, und mit ihr das Risiko für alles dazwischen. Er kennt weder die Technik beider Seiten im Detail, noch kann er abschätzen, wie viel Aufwand zwischen den Angeboten liegt. Wie unterschiedlich Auftraggeber und Entwickler denselben Aufwand wahrnehmen, beschreibt der Beitrag Kommunikation in IT-Projekten. Bei zwei Dienstleistern kommt eine Stufe davor hinzu: Es ist gar nicht geklärt, wer überhaupt zuständig ist.

Was wir in diesem Projekt gemacht haben

Am Ende haben wir die Gesamtverantwortung übernommen. Der andere Dienstleister bleibt an Bord und macht, was er am besten kann. Der Auftraggeber hat jetzt einen Vertrag und einen Ansprechpartner.

Das heißt nicht, dass wir alles selbst bauen. Wir nehmen die Nebenthemen mit, auch wenn sie nicht zu unserem Kerngeschäft gehören. Fehlt uns Wissen, holen wir es dazu. Was wir nicht leisten können, sagen wir vorher und nicht hinterher. Dieser letzte Punkt ist Teil der Gesamtverantwortung: Wer sie übernimmt, muss seine Grenzen früh benennen, sonst verschiebt sich die Lücke nur an eine andere Stelle.

Ist das umsatzoptimiert?

Nein. Ein Angebot, das nur die eigene Kernleistung enthält, wäre für uns einfacher zu kalkulieren und zu verkaufen. Wir wollen aber Kunden, die nach dem Projekt zufrieden sind und wiederkommen. Viele unserer Kundenbeziehungen laufen seit über zehn Jahren. Dazu kommt ein Nebeneffekt: An den Nebenthemen wachsen wir selbst mit.

Spezialisierung bleibt trotzdem sinnvoll. Wer eine Teilleistung besser kann als alle anderen, soll sie auch genau so anbieten. Es geht um die Frage, wer das Ganze im Blick hat, und die lässt sich auch bei spitzen Teilleistungen beantworten.

Was Auftraggeber vor der Vergabe klären sollten

Wer ein Projekt auf mehrere Dienstleister aufteilt, kann die Lücken vor der Vergabe finden. Fünf Fragen reichen dafür oft aus:

  • Wer ist für die Schnittstellen zwischen beiden Leistungen zuständig, und steht das schriftlich in einem der Angebote?
  • Wer verantwortet Deployment und Datenmigration?
  • Wer testet über die Systemgrenzen hinweg, und wer behebt die gefundenen Fehler?
  • Gibt es einen Ansprechpartner für das Gesamtergebnis, der auch dann antwortet, wenn beide Dienstleister sich uneins sind?
  • Was schließt jedes Angebot ausdrücklich aus?

Fehlt auf eine dieser Fragen die Antwort, liegt dort die Lücke. Dann gibt es zwei saubere Wege. Entweder übernimmt ein Dienstleister die Gesamtverantwortung, oder der Auftraggeber koordiniert selbst. Das ist legitim, muss dann aber als Aufgabe mit Zeit und Verantwortlichen eingeplant werden und darf nicht stillschweigend nebenher laufen.

Dienstleister können das Thema ebenfalls aktiv ansprechen. Ein Angebot, das ehrlich ausweist, was es nicht enthält und wo Abhängigkeiten zu anderen Parteien liegen, ist für den Auftraggeber mehr wert als eines, das an diesen Stellen schweigt.

Fazit

Zwischen zwei Festpreis-Angeboten innerhalb eines Projekts entsteht fast immer ein Bereich, den keiner verantwortet: Schnittstellen, Deployment, Datenmigration, Tests über Systemgrenzen. Das Risiko dafür landet beim Auftraggeber, obwohl er es am schlechtesten einschätzen kann. Mit einer klaren Gesamtverantwortung, einem Vertrag und einem Ansprechpartner, verschwindet das Pingpong, und jeder Beteiligte kann das tun, was er am besten kann.

Torsten Kruse

Torsten Kruse

Torsten Kruse ist Gründer und Geschäftsführer der COMINTO GmbH in Düsseldorf. Seit 1999 entwickelt sein Team individuelle Software für Mittelstand und Konzerne - ob Neuentwicklung, Modernisierung gewachsener Systeme oder KI-Integration. Das Ergebnis: Kunden wie ERGO, Deutsche Post und Eaton berichten von bis zu 35% schnelleren Prozessen und bis zu 45% niedrigeren Softwarekosten. Auf diesem Blog teilt er, was sich in über 25 Jahren Projektpraxis bewährt hat. Und was nicht.