Vor 30 Jahren gehörte ich zu den ersten Klassen, die Informatik als Wahlfach belegen konnten. Es fühlte sich nach dem Beginn einer neuen Ära an. Computer werden Teil des Alltags, und die Schule bereitet darauf vor. Heute, nachdem ich zwei eigene Kinder durch die Oberstufe mit Wahlfach Informatik begleitet habe, fällt die Bilanz ernüchternd aus.

Die Entwicklung über drei Jahrzehnte

Vor 30 Jahren war die Begeisterung groß. Informatik als Pilotfach, die Erwartung, dass eine ganze Generation für Technologie begeistert wird, die Hoffnung auf eine Lösung des Fachkräftemangels. Die Euphorie war berechtigt: Digitalisierung war absehbar, und wer früh die Grundlagen versteht, hat später einen Vorteil.

Vor 5 Jahren dann der erste Frustmoment. Der Informatik-Unterricht meines ältesten Kindes begann mit dem Binärsystem. Nullen und Einsen, bevor auch nur klar war, warum Informatik relevant ist. Für Schüler, die täglich Smartphones nutzen, Apps herunterladen und soziale Netzwerke bedienen, war das eine abstrakte Welt ohne erkennbaren Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit.

Heute sieht die Realität so aus: Weniger als 10% der Schüler wählen Informatik. Wer es wählt und bereits programmieren kann, weiß vorher oft schon mehr, als die Lehrkraft vermitteln kann. Wer es wählt und keine Vorkenntnisse hat, wird durch den theorielastigen Einstieg eher abgeschreckt als motiviert. Bei schriftlichen Klausuren sitzt man mitunter allein im Raum.

Woran es scheitert

Informatik ist das Fach, das eigentlich den stärksten Bezug zur Lebensrealität von Jugendlichen haben müsste. Apps, Websites, KI, Automatisierung, alles, was sie täglich nutzen, basiert auf informatischen Grundlagen. Das Potenzial für Begeisterung wäre enorm.

Der Unterricht schafft es in den meisten Fällen nicht, dieses Potenzial zu heben. Das liegt nicht am Willen der Lehrkräfte, sondern an strukturellen Problemen.

Der Einstieg über Theorie: Binärsystem, Sortieralgorithmen, UML-Diagramme auf Papier. Diese Themen haben ihren Platz in der Informatik, aber nicht als Einstieg. Wer mit abstrakten Konzepten beginnt, bevor ein konkreter Anwendungsbezug hergestellt ist, verliert die meisten Schüler nach der ersten Doppelstunde. Es fehlt der „Aha-Moment“, der Neugier weckt.

Fehlende Sichtbarkeit der Ergebnisse: In Kunst entsteht ein Bild. In Musik entsteht ein Stück. In Sport misst man sich. In Informatik analysiert man Algorithmen auf Papier. Schüler brauchen sichtbare, anfassbare Ergebnisse, auf die sie stolz sein können. Eine eigene Website, eine kleine App, ein funktionierender Bot. Die Theorie gewinnt an Bedeutung, wenn sie im Kontext eines konkreten Projekts auftaucht, nicht vorher.

Die Lücke zwischen Lehrplan und Praxis: Informatik-Curricula ändern sich langsam. Die Technologie ändert sich schnell. Der Unterricht behandelt Konzepte, die wichtig sind (Algorithmen, Datenstrukturen), aber er schlägt selten den Bogen zur aktuellen Praxis. Wie funktioniert eine KI? Wie werden die Apps gebaut, die Schüler täglich nutzen? Wie schützt man seine Daten? Diese Fragen interessieren Jugendliche. Der Lehrplan beantwortet sie oft nicht.

Praxisnahe Lehrkräfte sind selten: Das ist vermutlich das schwierigste Problem. Wer Informatik studiert hat und in der Industrie deutlich mehr verdienen kann, wird selten Lehrer. Die Folge: Informatik wird häufig fachfremd unterrichtet, von engagierten Lehrkräften, die aber selbst keine tiefe Praxiserfahrung haben. Begeisterung für ein Fach entsteht am leichtesten durch jemanden, der selbst begeistert ist und aus der Praxis erzählen kann.

Was besser funktionieren könnte

Es gibt Schulen und einzelne Lehrkräfte, die Informatik-Unterricht machen, der Schüler begeistert. Die Muster, die dort funktionieren, sind erkennbar.

Mit sichtbaren Ergebnissen beginnen: Eine eigene Website bauen. Ein Spiel programmieren. Einen Chatbot erstellen. Etwas, das man vorzeigen kann, das auf dem eigenen Handy läuft, das Freunde nutzen können. Die Theorie folgt dann naturgemäß, weil Schüler verstehen wollen, warum etwas funktioniert oder nicht funktioniert.

Echte Probleme lösen lassen: Wie würdest du die Schulbibliothek digital organisieren? Wie könntest du den Vertretungsplan automatisieren? Projektbasierter Unterricht, bei dem Schüler ein reales Problem in ihrer Umgebung lösen, erzeugt eine ganz andere Motivation als die Implementierung eines Sortieralgorithmus auf dem Papier.

Praktiker einbinden: Kooperationen mit lokalen IT-Unternehmen, Gastvorträge von Entwicklern, gemeinsame Projekte. Das muss keine dauerhafte Stelle sein, aber regelmäßiger Kontakt zur Praxis gibt dem Unterricht eine Dimension, die das Lehrbuch allein nicht liefern kann.

Warum das auch die Wirtschaft betrifft

Der IT-Fachkräftemangel wird seit Jahrzehnten diskutiert. Gleichzeitig schafft es das Schulsystem nicht, eine relevante Anzahl von Schülern für Informatik zu begeistern. Beides hängt zusammen, auch wenn die Kausalität nicht direkt ist.

Die Schule ist nicht die einzige Quelle für IT-Nachwuchs. Aber sie ist der Ort, an dem die erste Berührung stattfindet. Wenn diese Berührung durch theorielastigen Unterricht abschreckend wirkt, gehen potenzielle Talente verloren, die sich unter anderen Umständen für einen technischen Weg entschieden hätten.

Wer als Unternehmen auf den Nachwuchs wartet, den die Schule für IT begeistert, wird lange warten. Die Begeisterung für Technik entsteht in den meisten Fällen trotz des Unterrichts, nicht wegen des Unterrichts. Das ist kein Vorwurf an einzelne Lehrkräfte. Es ist eine Bestandsaufnahme nach 30 Jahren, die zu der Frage führt, ob der strukturelle Rahmen geändert werden muss.

Fazit

Informatik als Schulfach hatte ein enormes Versprechen. 30 Jahre später ist klar, dass dieses Versprechen nicht eingelöst wurde. Nicht weil das Fach unwichtig wäre, sondern weil der Unterricht es zu selten schafft, die Brücke zwischen Theorie und Lebenswirklichkeit zu bauen. Die guten Beispiele zeigen, dass es anders geht. Die Frage ist, ob sie Ausnahmen bleiben oder zum Standard werden.